Manchmal werden Geburtstage erst im Alter gefeiert – und dann stimmen sie nicht immer. Das gilt auch für die ‘Estrada Nacional 2’, die Portugal der Länge nach von Norden nach Süden durchläuft. Die EN2 gilt vielen als mythische Route. Sie ist ein beliebter Ausflugsweg, der besonders bei Radwanderern und Motorrad-Fahrern immer populärer wird. Pilger auf dem Jakobsweg von Faro nach Santiago de Compostela genießen die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Anwohner der Orte am Wegesrand.

Fotoquelle: die Landkarte stammt von Rádio RFM


Nun haben sich die Anrainer-Städte von Chaves im Norden bis Faro in der Algarve auf eine touristische Aufwertung verständigt und den 75.Geburtstag der Straße als Anlass für die Präsentation ausgerufen – dabei ist die Route sehr, sehr viel älter. Die EN2 hat ihren Ursprung in römischen Straßen, denen der heutige Verlauf streckenweise exakt folgt. Der Ausbau der Nord-Süd-Verbindung als tauglicher Verkehrsweg unter Einbindung bereits vorhandener Strecken begann 1870. Eine Dekade später erreichten die Bauarbeiten den südlichen Alentejo. In dem steinigen, hügeligen Gebiet am Übergang vom Alentejo zur Algarve, zwischen der Ortschaft Ameixial im Hinterland von Loulé und dem Flüsschen ‘Ribeira do Vascão’, dauerten die Arbeiten an der Trasse 25 Jahre und endeten 1914 mit der Einweihung einer Brücke über diesen Nebenfluss des Guadiana.


Der Straßenbau entlang der genau 739,26 Kilometer hat auch das Leben der Bewohner in den anliegenden Ortschaften verändert – nicht nur durch den entstehenden Verkehr, der auch zur Erschließung ganzer Landstriche beitrug, die nun auf Asphalt erreichbar waren. In Ameixial wurden 1944 für die Verbreiterung der Straße und ihre Verlängerung nach Süden zwölf Häuser abgerissen und im Umland Grundbesitz enteignet, was viele Kleinbauern um das bisschen Land brachte, auf dem sie bis dahin angebaut hatten, was zum Überleben nötig war.
Am 11. Mai 1945 wurde die Verkehrsachse als Nationalstraße klassifiziert – dieses Datum ist der Anlass für die 75-Jahr-Feier.
Bis 1950 wurde das Teilstück bis São Brás de Alportel asphaltiert.


Die Straße führt durch 35 Kreise und elf der 18 Distrikte des Landes, überquert elf Flüsse und vier Gebirgszüge, geht durch große Städte wie Viseu, Coimbra, Leiria, Évora, Setúbal und Beja bis in den Süden, wo unzählige Quellen die Passanten mit eisenreduziertem, an natürlicher Kohlensäure reichem Wasser erfrischen. Der Abschnitt von Almodôvar bis São Brás de Alportel, der durch Ameixial führt, ist seit 2003 ein nationales Monument.


Längst übernahmen die Autobahnen A2 und A22 die Funktion als Wege in und durch die Algarve, doch als die EN 2 noch eine der Hauptverbindungen in Richtung Süden war, lebten zum Beispiel in Ameixial mehr als tausend Menschen; heute sind es nicht einmal halb so viele.
Ein Schild am Ortseingang als Widmung an die Fernfahrer erinnert an die einstige Bedeutung des Schnellwegs. Heute hat die EN2 sogar eine eigene Facebook-Seite (https://pt-pt.facebook.com/EstradaNacional2) und es heißt, wer über diese Straße fahre, nehme die Sehnsucht mit nach Hause.


Die Stadt Faro hat nun einen mit zwei Metern Höhe eher überdimensionierten Kilometerstein aus Metall am Ende der Straße, an der Kreuzung der Avenida Calouste Gulbenkian und der Rua do Alportel aufgestellt, eben zu jenem 75.Gedenktag. Dort erinnert seit Kurzem auch ein in ‘Calçada Portuguesa’-Mosaik gearbeiteter Kreisverkehr an den Kilometer 738, den Endpunkt der EN2.
In São Brás de Alportel, an Kilometer 722 (Largo de São Sebastião), eröffnete vor wenigen Tagen das Museum ’Casa Memória da Estrada Nacional 2’, eine äußerst sehenswerte Ausstellung über die Geschichte der Straße und das Leben in ihren Einzugsgebiet als Weg durch die Zeit. Der Besucher erfährt sehr viel über die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen der Menschen in diesem Gebiet, das zu den am dünnsten besiedelten Landesteilen gehört. Das Museum zeigt auch ein wenig davon, wie die Bürokratie im Transportwesen funktionierte, bevor Computer, Smartphone und Navigations-Systeme das Leben erleichtern halfen, denn das Gebäude selbst ist ein historischer Ort und steht unter Denkmalschutz: Hier war eine Sektion der portugiesischen Straßen-Verwaltung (8.ª Secção de Conservação das Estradas do Distrito de Faro) untergebracht und hier wurde Reisenden eine Tasse Tee zur Stärkung gereicht.
Über Jahrzehnte hinweg führten die Wege aller Reisenden sowie der Gütertransport durch dieses Gebiet. Seit 1980 war das Haus ungenutzt, bis es zu der Idee mit der Nutzung als historische Schaustätte kam. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall (derzeit ist das Haus an Werktagen vormittags geöffnet; genaue Öffnungszeiten stehen noch nicht fest).

Wer sich über die EN2 informieren möchte, findet dazu ein 500 Seiten starkes, ausführlich bebildertes Buch: "Portugal de Norte a Sul pela mítica EN2" (zu beziehen u.a. über https://www.ascari.pt/product/9789899823075; nur auf Portugiesisch)

Henrietta Bilawer