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Im Jahr 2009 wurden während der Bauarbeiten für einen Parkplatz an der Rua da Gafaria in Lagos rund 150 menschliche Skelette entdeckt, die bei archäologischen und anthropologischen Untersuchungen als afrikanische Sklaven identifiziert wurden. Experten zufolge ist dies die älteste Begräbnisstätte für afrikanische Sklaven, die in Europa gefunden wurde. Die Auffinde-Situation lässt ferner darauf schließen, dass die toten Sklaven nicht einmal pietätvoll beerdigt, sondern “wie eine alte und nutzlose Ware weggeworfen wurden”, sagte einer der Archäologen damals. "Diese Entdeckung hat uns eine historische Realität offenbart, die wir nicht ignorieren können, an die wir uns erinnern müssen.” Das heutige Museum (zuvor gehörte der Raum der portugiesischen Armee und wurde für wechselnde Kunstausstellungen genutzt) macht Art und Ausmaß der jahrhundertelangen europäischen Beteiligung an diesem Menschenhandel deutlich.
Der amerikanische Historiker David Eltis von der Emory Universität in Atlanta hat ein Projekt zur Erforschung dieses dunklen Kapitels der ersten Globalisierung vor 575 Jahren entworfen (https://www.slavevoyages.org/), das anhand einer sehr ausführlichen Datenbank zeigt: Der transatlantische Sklavenhandel war die größte Zwangsumsiedlung von Menschen über weite Entfernungen in der Weltgeschichte. Bis Mitte des 19.Jahrhunderts war der Sklavenhandel außerdem die größte demographische Quelle für die Wiederbevölkerung Amerikas nach der weitgehenden Auslöschung der indianischen Bevölkerung.
 
Fotozusammenstellung: Henrietta Bilawer Was gerade in den USA passiert, liegt vor unserer Haustür. Ein eindrucksvolles Bild davon liefert das Museum ‘Mercado de Escravos’ in Lagos,
 
Laut Eltis’ Quellen kamen zwischen 1500 und 1840, der goldenen Zeit des transatlantischen Sklavenhandels, etwa 12 Millionen Sklaven nach Amerika, während es im gleichen Zeitraum nur 3,4 Millionen Europäer dorthin zog. Die starke Nachfrage nach Produkten aus Amerika und der Mangel an Arbeitskräften, sowohl an einheimischen als auch europäischen Zuwanderern, führte dazu, dass die Nachfrage der Verbraucher in Europa nicht zu befriedigen war. Dies führte zu einer Zunahme des Sklavenhandels und der menschlichen Zwangsarbeit.
 
Diese Sklavenarbeit war hauptsächlich afrikanisch, und der transatlantische Sklavenhandel war Teil zweier wichtiger Routen – des so genannten Dreieckshandels –, die Europa, Afrika, Mittel- und Südamerika miteinander verbanden. Eine der Sklavenrouten, die europäische, wurde hauptsächlich von Engländern beherrscht, während die andere, in Brasilien, ausschließlich und drei Jahrhunderte lang von Portugiesen dominiert wurde. Seewind und Strömungen trugen auch dazu bei, dass die nach Brasilien transportierten Afrikaner vorwiegend aus Angola kamen, während Südost-Afrika und der Golf von Benin eine untergeordnete Rolle spielten.
 
Die nach Nordamerika und in die Karibik transportierten Afrikaner kamen hauptsächlich aus Westafrika, vor allem aus den Gegenden um Biafra und Benin, sowie von der Goldküste (die in der Ausdehnung in etwa dem heutigen Ghana entsprach). Doch so, wie Brasilien die Grenze zwischen den Handelssystemen im Golf von Benin überquerte, brachten Holländer, Briten und Franzosen auch einige Sklaven aus Nord-Angola in die Karibik. Portugal übernahm eine herausragende Rolle beim Handel mit afrikanischen Sklaven in die europäischen Kolonien Amerikas und war zweifellos für den Beginn des atlantischen Handels verantwortlich. So sehr Portugal im Sklavenhandel aktiv war, gehörte das Land später zu den Pionieren der Abschaffung: Am 19. September 1761 verbot der Marquês de Pombal (der von König D. José I. mit generellen Vollmachten eingesetzte Staatslenker) schließlich den Transport von Sklaven aus Afrika nach Portugal. Einige Jahre später, am 16. Januar 1773 wurden die in Portugal lebenden schwarzen Sklaven per Gesetz als mündig erklärt. Der Sklavenhandel im Mutterland wurde verboten, die Praxis der Sklavenhaltung setzte sich jedoch fort. Sklavenhändler wurden allerdings auch strafrechtlich verfolgt. Erst im Februar 1869 erschien im Gesetzblatt des Königreichs Portugal ein Erlass des Regenten D. Luís, mit dem die Sklaverei auch in “allen Territorien der portugiesischen Monarchie mit sofortiger Wirkung” abgeschafft wurde.
 
1926 schlossen die im Völkerbund zusammengeschlossenen Staaten das erste Sklaverei-Abkommen, das zwar den Menschenhandel verbot, jedoch den europäischen Kolonialmächten den weiteren Einsatz von Zwangsarbeit in ihren Kolonien ermöglichte. 1948 wurde die Sklaverei im vierten Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte erneut verboten, mit ähnlich mäßigem Effekt. 1956 schlossen 40 Staaten in Genf ein weiteres Abkommen über die Abschaffung der Sklaverei. Trotzdem ist die Praxis der Sklaverei bis heute nicht vollständig ausgerottet.
 
Text: Henrietta Bilawer, Portimão
 
Sklave in Brasilien 1823 Moritz Rugendas,