Von Barbara Mesquita

Hineinzukommen ist gar nicht so einfach. Eine Lache graugrün in der fahlen Vormittagssonne glänzenden Wassers versperrt den Zugang zu den Gassen aus rotem Lehm im Stadtteil Sambizanga, einem dermusseques, wie die Armenviertel in der angolanischen Hauptstadt Luanda heißen.

In Sambizanga ist der frühere Präsident José Eduardo dos Santos aufgewachsen, der Angola von 1979 bis 2017 siebenunddreißig Jahre lang regiert hat, vor allem zum Vorteil seiner Familie und einer kleinen Schicht von Gefolgsleuten. Dank der Luanda Leaks kann sich heute auch außerhalb Angolas jeder eine Vorstellung von dem Ausmaß der jahrelangen Selbstbedienung der herrschenden Klasse des Landes machen. Isabel dos Santos, die Lieblingstochter des früheren Präsidenten und erste Milliardärin Afrikas, wurde bis vor kurzem in aller Welt sogar noch als Musterbeispiel für weibliches Unternehmertum auf dem Kontinent gefeiert, bis bekannt wurde, wie sehr ihr die Macht und die Beziehungen ihres Vaters bei dem Aufbau ihres Firmenimperiums von Nutzen waren.

Die Bewohner von Sambizanga jedenfalls haben nicht von den Gewinnen profitiert, die seit 2002, als der mit Unterbrechungen fast dreißig Jahre währende Bürgerkrieg endete,aus dem Erdöl- und Diamantengeschäft des an Bodenschätzen reichen Landes erwirtschaftet wurden und die zum großen Teil an der Staatskasse vorbei in die Taschen der Kleptokraten geflossen sind. Um ihr Viertel zu verlassen, müssen sie bei Regen zwischen den unverputzten Stein- und Wellblechhütten durch eine knietiefe,mit Unrat und Abwasser vermischte Brühe zum nächsten Stand der Sammeltaxis, der candongueiros, waten.Ihre schlecht bezahlten Arbeitsplätze beim Staat und ihre oft informellen Beschäftigungen als Wachleute oder fliegende Händler in den asphaltierten Straßen der Stadt erreichen sie nur in einem der verbeulten weiß-blauen Toyota-Busse, die den praktisch nicht vorhandenen öffentlichen Nahverkehr ersetzen. Ob Zedú, wie der der heute alt und vereinsamt in Barcelona lebende ehemalige Staatschef im Volksmund genannt wird, in seiner Amtszeit jemals wieder hier in Sambizanga gewesen ist?

Foto: Gemeinschaftsplatz in Sambizanga , Quelle: Barbara Mesquita

Sacerdote bezweifelt das. Sacerdote heißt mit bürgerlichem Namen Edmar Domingos, macht Kuduro-Musik, die angolanische Variante des Hip-Hop, und ist wie José Eduardo dos Santos in Sambizanga großgeworden. Die Lebensbedingungen in dem Viertel haben sich seit der Kolonialzeit eher noch verschlechtert, da sich die Zahl der Bewohner vor allem durch die Bürgerkriegsflüchtlinge und die hohe Geburtenrate vervielfacht hat und die Gassen zugebaut und noch enger geworden sind. In einem buntbemalten zweistöckigen Bau ohne fließendes Wasser in der Nähe des Gemeinschaftsplatzes von Sambizanga betreibt Sacerdote ein kleines Studio, in dem er seine Musik produziert, die er im November 2019 auch in Deutschland im Rahmen des Afro-Sonic-Mapping-Projekts des Berliner Hauses der Kulturen der Welt präsentiert hat. Sein Studio stellt er zudem den Jugendlichen des Stadtteils zur Verfügung. Sie können dort selber Musik aufnehmen und Videos produzieren oder an dem Sprachunterricht und den Foto- und Malkursen teilnehmen, die Sacerdote  ihnen zusammen mit einem befreundeten Lehrer als Alternative zu ihrem entbehrungsreichen Alltag ebenfalls anbietet. Ein defizitäres Bildungssystem, fehlende Ausbildungschancen und vor allem der Mangel an Arbeitsplätzen lassen den Jugendlichen wenig Aussicht auf Chancen für ein besseres Leben.Daher sind die Gewalt- und Kriminalitätsraten in Vierteln wie Sambizanga extrem hoch. Sacerdote lebt seit jeher in diesem Teufelskreis, und seine Texte und seine Musik sind,ebenso wie der Versuch,  die Jugendlichen des Viertels in sein Projekt mit einzubeziehen, eine hochpolitische Antwort auf das völlige Versagen des Staates. Dass sich unter João Lourenço, dem 2017 gewählten Nachfolger von José Eduardo Santos, der sich die Bekämpfung der Korruption vorgenommen hat, in Sambizanga etwas ändern wird, glaubt Sacerdote nicht.

Foto: Sacerdote, Quelle: Barbara Mesquita

Zwar gibt es jetzt ein Gesetz zur Rückführung von unrechtmäßig erlangtem und ins Ausland geschafftem Kapital, und bei der Generalstaatsanwaltschaft ist eigens zu diesem Zweck eine besondere Dienststelle eingerichtet worden, die durchaus aktiv ist. So hat sie am 30. Dezember 2019 den Besitz von Isabel dos Santos beschlagnahmt und ihre Konten eingefroren und seither weitere spektakuläre Aktionen gestartet, wie jüngst die Beschlagnahmung der Gebäude des China Fund Angola in Luanda, einer Gesellschaft mit einer undurchsichtigen chinesisch-angolanischen Unternehmensstruktur, deren zahlreiche Immobilien in der Hauptstadt Mitte Februar ebenfalls beschlagnahmt wurden. Aber der Einfluss und die Interessen der bisherigen Profiteure sind so gewaltig, das System ist so verkrustet und die soziale Ungleichheit so groß, dass Sacerdote von der offiziellen Politik in Angola nichts erwartet für die große Mehrheit der Bevölkerung, die wie die Bewohner von Sambizanga in Elend und Armut lebt, in einem „geschlossenen Kosmos, abgeschaltet von der Welt“, wie es in seinem Stück Falaste o que? (Was hast du gesagt, Chef?) heißt.

 

Das Video Falaste o quekann man unter diesem Link anschauen:

https://www.youtube.com/watch?v=M110x-d3xgc

Ein Interview der portugiesischen Zeitung Público mit Sacerdote findet sich zudem unter folgendem Link:

https://www.youtube.com/watch?v=LjAbF4htUJI

Der Besuch der Autorin bei Sacerdote in Sambizanga fand Mitte Februar 2020 statt. Bedingt durch die Corona-Pandemie herrscht seit dem 27. März 2020 in Angola der Ausnahmezustand mit einer Ausgangsperre. Im April haben zudem starke Regenfälle in Luanda zu Überschwemmungen mit 26 Toten geführt.

 

Foto: Schulraum in Sacerdotes Studio , Quelle: Barbara Mesquita