Ein Bericht vom Rudolstadt-Festival 5.-8. Juli 2018

Wo bitte liegt Rudolstadt? Das war meine erste Frage, als mein Bruder mich vor einigen Jahren von einem Besuch des alljährlich in eben jenem Ort stattfindenden Musikfestivals überzeugen wollte. In diesem Jahr nun wollte ich es herausfinden, denn Termin und Programm ließen keine Ausrede mehr zu.

Ich hatte nämlich inzwischen „gegoogelt“, dass mit Lula Pena, Elida Almeida und OMIRI drei portugiesisch-sprachige Musikerinnen und Musiker auftreten würden und der Ferienbeginn passte diesmal exakt zum Konzertbeginn. Keinen von Ihnen kannte ich bisher, insofern war die Neugier groß. Problemlos ließ sich (rechtzeitig!) ein 4-Tages-Ticket im Internet kaufen, was für die Hotelsuche allerdings nicht galt, denn in Rudolstadt selbst sind die Unterkünfte in der Regel bereits ein Jahr vorher ausgebucht. So blieb mit etwas Glück ein Hotel in Jena, von wo das Festival mit halbstündiger Bahnfahrt erreicht werden kann.

„Was für eine tolle Kulisse!“, war mein erster Eindruck von Rudolstadt, dieser thüringischen Kleinstadt (24.000 Einwohner) an der Saale mit seiner gewaltigen kulturellen Geschichte. Über die ganze Altstadt verteilt, in der am Hang gelegenen Heidecksburg und dem Heinrich-Heine-Park in den Saalewiesen waren Bühnen und Stände aufgebaut, trieben Gaukler ihr Spiel. Nun fielen hier 100.000 Besucher ein und wir gehörten zu den ersten, die die ansteckende friedliche und entspannte Grundstimmung von Besuchern und Einheimischen bei diesem Festival spüren und genießen konnten. Leider stellte sich beim Studium des Programmflyers heraus, dass alle drei portugiesisch-sprachigen Künstler am selben Tag und teils zeitlich überschnitten auftraten. So blieb nichts übrig, als uns auf Lula Pena und Elida Almeida zu konzentrieren.

Für Lula Pena hatten die Organisatoren die Ludwigsburg, ein barockes Stadtschloss, als Veranstaltungsort ausgesucht; einerseits eine gute Wahl, weil der wunderschöne Saal mit einer kirchenähnlichen Akustik einen würdigen Rahmen für ihren Soloauftritt bot. Andererseits zeigten die ca. 300 vor der Tür wartenden Besucher, als wir 30 Minuten vor Beginn eintrafen, dass der Platzbedarf viel größer war, als es der nur 100 Personen fassende Saal bieten konnte. Wir kamen dennoch mit etwas Glück und der Ankündigung, einen Bericht schreiben zu wollen, hinein.

Bei der Vorstellung der Künstlerin und des Hauses schien es, als seien sich die Veranstalter über das große Interesse an portugiesisch-sprachiger Musik durchaus bewusst, umso unverständlicher, dass das Konzert nicht zumindest per Videoleinwand auf den Hof übertragen wurde.

Eine Grande Dame-  so ließe sich wohl der erste Eindruck beschreiben, als Lula die Bühne nur mit ihrer Western-Gitarre betritt. Äußerlich ein wenig an die reifere Daliah Lavi erinnernd, bemerkt man sofort, dass einen hier etwas Außergewöhnliches erwartet, vorschnell in die Kategorie Fado geschoben, aber doch eher etwas völlig Eigenes, ohne xaile, ohne guitarra portuguesa, obwohl doch ihr großes Vorbild Amália ist, wie sie mir im anschließenden Interview gesteht.

Ihr erstes Stück dauert 50 Minuten, erinnert mit dem rhythmischen Klopfen auf die Gitarrendecke und seiner Monotonie ein wenig an „barco negro“ von Amália. Eine offen-gestimmte Gitarre in so einem langen Stück als Begleitung einzusetzen, erfordert sowohl stimmlich als auch instrumental ein großes Repertoire an Variationen um nicht langweilig und einschläfernd zu wirken. Und das beweist Lula vor allem auf ihrer virtuos beherrschten Gitarre, die das hochkonzentrierte Publikum so bis zur letzten Minute in ihren Bann zieht. Begeisterter Beifall bricht aus dem Publikum, das eben noch in Trance schien, als Lula sich verbeugt.

 Nach einer kurzen Pause erscheint die Künstlerin mit einem Rotweinglas in der Hand, stimmt ihre Gitarre auf Normalstimmung und erklärt, warum sie die Stimmbänder anfeuchten musste. Die offenen Fenster hätten ihre Stimme trotz geschätzter 27°C zugesetzt. Im folgenden Stück zeigt sie nochmal die ganze Virtuosität ihres Gitarrenspiels, technisch äußerst präzise, mit einer sehr individuellen Anschlagtechnik und gefühlvoller Nuancierung von Lautstärke und Klangfarbe.  Die Grundfarbe ihrer Lieder ist eher düster und melancholisch, das Gitarrenspiel rhythmusbetont. Ihre Altstimme hat dabei eine beeindruckende Ausdruckskraft.

Das Publikum quittiert Lulas Auftritt schließlich mit stehendem Applaus, sie hat ihre Zuhörer in ihren Bann gezogen. 

Völlig anders geht es später am Abend auf der großen Bühne im Heine-Park bei Elida Almeida zu. Nach einem kurzen Vorspiel ihrer Band erscheint die kleine Sängerin tanzend auf der Bühne und der Funke springt sofort über. Der große Platz vor der Bühne ist komplett gefüllt mit Menschen, die sich von der fröhlichen, sympathischen Ausstrahlung der kapverdischen Künstlerin mitnehmen lassen. Dabei handeln die Lieder Elidas keinesfalls nur von Liebe und der Leichtigkeit des Lebens „num país tropical“. Auch ein Stück über häusliche Gewalt aus ihrem neuen Album „Kebrada“, benannt nach ihrem Geburtsort auf der Insel Santiago, ist Teil ihres Auftritts, wie sie zwischen den Songs auf Englisch erklärt. Die Band besteht aus professionellen Musikern, die zum größten Teil schon in anderen bekannten Gruppen gespielt haben. Sie bringt die typischen Batuku-, Funaná- und Morna-Rhythmen perfekt auf die Bühne, unterstützt von einem Team am Mischpult, das einen glasklaren, ausgewogenen Sound in idealer Lautstärke auf die Boxen zaubert. Das erlebt man open air eher selten.

 

Die Resonanz in den Medien (MDR, Deutschlandfunk) zeigt, dass wir von dem „Shooting Star“ der Kapverden wohl in Zukunft noch viel hören werden. Freuen wir uns auf ihre nächsten Konzerte, hoffentlich auch bald wieder in Deutschland!

 

Übrigens, das nächste Rudolstadt-Festival wird vom 4.-7.7. 2019 stattfinden- das Programm steht noch nicht fest…

 

Gerd Jückstock