Foto von Hans-Jürgen Odrowski

 Foto: Barbara Mesquita, Maralde Meyer-Minnemann und Dr. Peter Koj, von Hans-Jürgen Odrowski

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Neues aus dem Westen Lesung mit Barbara Mesquita und Maralde Meyer-Minnemann

Auf der diesjährigen Europawoche stellten sich die in der Hansestadt vertretenen europäischen Nationen mit einem sehr unterschiedlichen Programm vor. Während Italien, Spanien und Frankreich durch ihre in Hamburg ansässigen Kulturinstitute ein breites Angebot an Vorträgen, Konzerten und Theater präsentieren konnten, gab es von allen anderen Nationen eine nur sehr geringe Beteiligung. Auf portugiesischer Seite musste dieses Mal sogar das Generalkonsulat wegen Umzugs bei der „Langen Nacht der Konsulate“ passen. So blieb es bei den beiden Veranstaltungen der Portugiesisch-Hanseatischen Gesellschaft: der Multimedia-Show von Claus Bunk über den Olivenanbau in Portugal am 11. Mai und der Lesung am 15. Mai. Die Lesung unserer Übersetzerinnen Maralde Meyer-Minnemann und Barbara Mesquita kann man insofern historisch nennen als es die erste Veranstaltung der Lesesaal Buchhandlung nach ihrem Umzug von Eimsbüttel in den Stadtpalais an der Stadthausbrücke war. Im Vorfeld gab es viel Polemik um die Nutzung des von dem Investor Quantum erworbenen ehemaligen GESTAPO-Gebäudes. Die Auswahl der von den Übersetzerinnen vertretenen portugiesischen Autoren trug diesem historischen Hintergrund des Gebäudes Rechnung. Während Barbara Mesquita Auszüge aus der sozialkritischen Posse Maria von den abtgesägten Gewehren von Ricardo Adolfo vortrug, bot Maralde Meyer-Minnemann eine bewegende Passage aus dem zuletzt von ihr übersetzten Roman von António Lobo Antunes Ich gehe wie ein Haus in Flammen. Mehr dazu in der Einführung von Peter Koj, dem Kulturreferenten der Portugiesisch-Hanseatischen Gesellschaft.       

 

"Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Portugalfreunde,

Ich darf Sie im Namen der Portugiesisch-Hanseatischen Gesellschaft zu dem heutigen Leseabend begrüßen. Wir danken Stephanie Krawehl, dass sie unseren beiden Übersetzerinnen Barbara Mesquita und Maralde Meyer-Minnemann ein Podium bietet, um uns an ihren Übersetzungskünsten teilhaben zu lassen. Erst durch die Kunst der Übersetzerinnen und Übersetzer, fremdsprachige Literaturen kongenial zu übertragen, erhalten wir überhaupt erst einen Zugang zu diesen. Für ihre Künste sind die Übersetzerinnen des heutigen Abends bereits mehrfach ausgezeichnet worden.

Während Barbara Mesquita neben modernen portugiesischen Autoren auch solche aus Brasilien und den afrikanischen lusophonen Ländern, allen voran Angola, übersetzt, liegt bei Maralde Meyer-Minnemann – wenn man mal von dem Brasilianer Paulo Coelho absieht – das Schwergewicht auf zeitgenössischen portugiesischen Autoren, allen voran den „ewigen Nobelpreis-Kandidaten“ António Lobo Antunes. Bis auf sein Frühwerk Der Judaskuss, das noch Ray Güde-Mertin übersetzt hat, hat Maralde Meyer-Minnemann alle seine 24 Romane und Chroniken übersetzt. Und ein Ende ist nicht abzusehen.     

Der heutige Leseabend ist nun in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zum einen fügt er sich exzellent in das Programm der Europawoche ein, die morgen mit der Langen Nacht der Konsulate zu Ende geht. Leider kann das portugiesische Generalkonsulat wegen des Umzugs dieses Mal nicht seine Pforten öffnen und seine sprichwörtliche Gastfreundschaft unter Beweis stellen. Wir freuen uns daher umso mehr, den Generalkonsul von Portugal Luís Cunha unter uns zu haben.

Somit ist es an unserer Gesellschaft, mit dem heutigen Leseabend der europäischen Nation eine Stimme zu verleihen, die aufgrund ihres maritimen Charakters in der Hansestadt stark vertreten ist („Hamburg, die portugiesischste Stadt Deutschland“). Zudem ist Portugal unter den europäischen Nationen, die sich in dieser Woche vorgestellt haben, diejenige, die am längsten innerhalb ihrer historischen Grenzen besteht (nämlich seit 1249).

Auch in einer anderen Beziehung ist der heutige Leseabend historisch zu nennen, denn es ist der erste, den die Lesesaal Buchhandlung nach ihrem Umzug von Eimsbüttel in diesem Gebäude mit seiner düsteren Vergangenheit veranstaltet. Wir gratulieren Stephanie Krawehl zu ihrer mutigen Initiative, das Grauen der Vergangenheit durch die Verbindung von Buchhandlung und Gedenkstätte bewältigen zu helfen.

Die Wahl zweier zeitgenössischer Autoren aus Portugal kommt dabei nicht von ungefähr. Lassen Sie mich zuerst mit einem biografischen Schmankerl den Bogen zu Portugal schlagen. Der Familienname unserer Gastgeberin kommt aus dem Portugiesischen, und zwar auf dem Umweg über Holland: „Krawehl“ oder auch „Karwehl“ (Englisch carvel) bezeichnet eine Schiffsbauweise, die zuerst bei der portugiesischen Karavelle (caravela) Anwendung gefunden hat (im Gegensatz zur „Klinkertechnik“ der hanseatischen Kogge). Sie befähigte die Portugiesen vor allen anderen Nationen zur Erschließung transatlantischer und fernöstlicher Handelswege zur See.

Der Hamburger Hafen profitierte nach dem Niedergang der Hanse davon, insbesondere durch den Gewürzhandel mit Indien. Noch heute wird ein erfolgreicher Hamburger Kaufmann als „Pfeffersack“ bezeichnet. Die Pfeffersäcke des späten 19. Jahrhunderts zeigten sich erkenntlich und errichteten Vasco da Gama, dem „Entdecker“ der Indienroute, beim Bau der Speicherstadt ein Denkmal an der Kornhausbrücke.

Portugal war aber auch die Nation, die am längsten an seinen Kolonien festhielt und seine Besitzungen in Afrika erst nach dem blutigen Kolonialkrieg der 60er und 70er Jahre des letzten Jahrhunderts in die Freiheit entließ.

Der von Maralde Meyer-Minnemann vorgestellte Autor António Lobo Antunes war als Arzt und Sanitäter im Kolonialkrieg in Angola eingesetzt und verarbeitet in seinen Romanen dieses Thema wie kein anderer. Darüber hinaus geht es in seinen Romanen um die Aufarbeitung der longa noite do fascismo, der „langen Nacht des Faschismus“ – wie die lange Salazar-Diktatur in Portugal gern genannt wird.

Stütze des Regimes war die gefürchtete Geheimpolizei, die PIDE. Die PIDE – und damit schließt sich wiederum der Kreis zur Stadthausbrücke – wurde von der GESTAPO ausgebildet.

In dem heute Abend von Maralde Meyer-Minnemann vorgestellten Roman Ich gehe wie ein Haus in Flammen geht Lobo Antunes mit der Schilderung der Verfolgung einer jüdischen Familie aus Osteuropa zum ersten Mal über den portugiesischen Faschismus hinaus. Dies erklärt das in Umkehrung von Erich Maria Remarques Romantitel gewählte Motto des heutigen Abends: Neues aus dem Westen.

Dieses Motto gilt in ganz besonderem Maße für den von Barbara Mesquita gewählten Autor Ricardo Adolfo. Er ist 1974 geboren und damit um einiges jünger als António Lobo Antunes und wird von diesem als eine Art Schüler bzw. Nachfolger gesehen. Zumindest weiß er in seinem 2013 erschienenen Roman Maria von den abgesägten Gewehrläufen, einem „wahren Meisterwerk der satirische Groteske“, den weiß Gott nicht konventionellen Erzähler Lobo Antunes noch zu überbieten."