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Sagres – Quo vadis?

Von Peter Koj

 Sagres, wo der Algarve am weitesten in den Atlantik ragt, wo Amerika und Afrika dem europäischen Kontinent am nächsten sind. Sagenumwobener Ort, wo Heinrich der Seefahrer angeblich seine berühmte „Schule von Sagres“ gegründet haben soll. Aber auch Fischereihafen mit einer kleinen Kutterflotte. Und schließlich Badeort, der seinen Sommergästen eine Reihe von Stränden bietet, die versteckt in seiner Felsküste liegen (Martinhal, Mareta, Tunel, Beliche).

 Als wir vor einem Vierteljahrhundert zum ersten Mal in Sagres auftauchten, war hier kaum Betrieb. Nur einige Mutige wagten sich auf der gewundenen und engen Landstraße bis zur äußersten Spitze des Algarve vor. Eine karge Landschaft, die mit der Schönheit des Sotavento kontrastierte, hatte nichts Einladendes. Ab Lagos herrschten graue und dunkle Töne vor. Und ab Vila do Bispo nur ein paar Ligustersträucher am Straßenrand, gebeugt von einem rauen und starken Wind.

 Die Ortschaft selbst hatte auch nicht viel mehr zu bieten. Sagres bestand damals nur aus einer Hauptstraße, der Rua Comandante Matoso, staubig und auf beiden Seiten gesäumt von einer Zeile armseliger Fischerhäuser. Am Ortseingang ein kleiner Platz mit dem Zollgebäude und der Grundschule. Dort gab es auch ein paar Buden, die Obst, Fleisch und Fisch verkauften. Andere Artikel gab es im einzigen Lebensmittelgeschäft, das von Sr. Artur. Hier, ebenso wie vor der einzigen Bäckerei, bildeten sich im August lange Schlangen. In den übrigen Monaten des Jahres – gähnende Leere.

 August war der klassische Monat, an dem die Emigranten aus dieser Region nach Hause zurückkehrten und an dem die wenigen Auswärtigen, zumeist aus Lissabon kommend, hier ihre Ferien verbrachten. Dazwischen der Trupp junger ausländischer Besucher, die sogenannten „Schnecken“, weil sie ihr Haus, will heißen Rucksack mit Zelt, auf dem Rücken trugen. Von einem Massentourismus wie im übrigen Algarve, keine Spur. Die meisten Touristen blieben nur ein paar Stunden um das Promontorium Sacrum mit der Festung zu besuchen und noch einen Sprung zum Kap São Vicente zu machen.

 Wer eine Nacht oder länger in Sagres verbringen wollte, konnte zwischen der Pousada do Infante und dem Hotel Baleeira wählen, zwei gute Beispiele für die Architektur der Salazar-Ära. Darüber hinaus kaum Gästehäuser oder Pensionen. Aber es gab schon erste Ansätze der Ortsbewohner, Privatzimmer anzubieten, eine Initiative, die damals noch mit dem Begriff „heimliche Vermietung“ diskriminiert wurde. Aber es war sehr billig und wurde deswegen vor allen von den „Schnecken“ genutzt, sofern sie nicht einfach ihr Zelt vor dem Restaurant Mar-à-vista aufschlugen, wo man damals gut essen konnte. Sein sympathischer Besitzer, Sr. Ermindo, gestattete ihnen großzügig, seine Dusche zu benutzen und so vergrößerte sich dieser wilde Zeltplatz auf der freien Fläche oberhalb des Mareta-Strandes von Jahr zu Jahr.

 Doch das ist inzwischen alles Geschichte. Sagres hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten sehr verändert, nicht immer zum besseren. Selbstverständlich sind die Fortschritte in der Infrastruktur unübersehbar. Es gibt jetzt eine Apotheke, ein medizinisches Zentrum, eine neue, wenn auch häßliche (Beton)Kirche, eine Markthalle mit einem Postamt daneben, einen Campingplatz (wildes Zelten ist verboten, aber dieses Jahr stieß ich auf eine Reihe von Wohnwagen, die sich an der Felsküste eingerichtet hatten, ohne dass die Polizei eingriff), eine Abwässeranlage (welche jedoch entgegen der europäischen Vorschriften die Abwässer ungeklärt ins Meer hinausleitet). Die Fischerhäuschen wurden abgerissen und ihre Bewohner in einer Baugenossenschaftssiedlung (Liberdade) untergebracht, die mit finanzieller Unterstützung einer portugiesisch-amerikanischen Gesellschaft an derselben Stelle errichtet wurde.

 Doch über diese Siedlung hinaus ist die Bautätigkeit beachtlich. Überall schießen neue Häuser wie Pilze aus dem Boden, und die Ortschaft dehnt sich in alle Himmelsrichtungen aus, offensichtlich ohne irgendeinen städtebaulichen Plan. Einige Häuser sind sogar sehr hübsch und alle halten sich an die Auflagen der Direktion des Landschaftsschutzgebietes Costa Vicentina (schließt Sagres ein und zieht sich noch bis Salema hin), wonach nicht höher als zweistöckig gebaut werden darf. Das einzige städtebauliche „Verbrechen“ stellt das Hotel Navigator (sic!) dar, ein Betonklotz mitten auf dem höchsten Punkt von Sagres, direkt neben der Pousada do Infante. Eine andere Brutalität ist die prunkvolle Villa, die sich ein Holländer direkt an die Felskante der Steilküste westlich des Martinhal-Strandes hingesetzt hat. Sie beleidigt das Auge vor allem mit ihrer gigantischen Terrasse, die wie eine Raumfahrt-Startrampe wirkt. Sie wurde auf einem Gelände gebaut, das schon seit langem ein ausgebautes Straßennetz hat, aber wo niemand kaufte (weil es sich um ein off-shore Unternehmen handelt). Jetzt gehört es einer Schweizer Firma (Frutiger Ltd International aus Thun), die sogar eine homepage hat (www.martinhal.com), und der Verkauf (und damit die Bautätigkeit) gehen nun zügig voran.          

 Ein weiteres Gelände, dessen Bebauung eine echte landschaftliche Bedrohung darstellt, wenn sie nach den Plänen ihres Besitzers vorgenommen wird, befindet sich zwischen Sagres und dem Martinhal-Strand. Es gehört Sousa Cintra, der aus Vila do Bispo stammt, einer der reichsten Männer Portugals. Wir verdanken ihm schon eine Scheußlichkeit an der Costa Vicentina: Vale de Telha (in der Nähe von Arrifana). Doch in Sagres wurden diesem Bauunternehmer (port. pato bravo, eigentlich „wilde Ente“) die Flügel gestutzt: die Bauarbeiten wurden gestoppt und zurück blieb nur eine riesige Baubude umgeben von einer Menge Müll und Schrott.

 Doch die Zunahme der Bautätigkeit in Sagres hat auch ihre Vorteile. Das Übernachtungsangebot ist rasant gestiegen. Es gibt eine ganze Reihe von kleinen Hotels und Apartmenthäusern, und die Ortsbewohner bieten weiterhin Privatzimmer an. Aber jetzt spricht man, weniger herabsetzend, von „parallelem Tourismus“. Die Zimmer kosten 40 oder 50 Mark pro Nacht, und das größte Angebot hat D. Fátima, deren Büro sich hinter dem Café O Motard befindet. Cafés sprießen an allen Ecken und Enden, und man fragt sich, wie die Besitzer zurecht kommen, vor allem in der Nebensaison. Es gibt auch einige Restaurants, wo man wirklich gut isst, z.B. Carlos, Vila Velha, O Retiro do Pescador, und am Martinhal-Strand das Restaurant Nortada von Adreas Bergmann, dem auch die schon emblematische Bar Dromedário gehört (jetzt in neuen, geräumigeren Einrichtungen direkt neben den alten).

  Die große Verbesserung dieses Sommers war die Asphaltierung der Rua Comandante Matoso. Es waren Arbeiten im Zuge der Stadtsanierung von Sagres, die sich schon seit einiger Zeit hinzogen. Doch nun, mit den Kommunalwahlen vor der Tür, wurden sie sehr rasch und ziemlich schlampig ausgeführt (der erste Winterregen wird sicherlich hier einiges zerstören). Die anderen Straßen sind weiterhin gestampfte Wege, und wenn ein Auto schnell über sie hinwegfährt, verschwinden die Fußgänger in einer Staubwolke.

 Eine andere umstrittene und von der Bevölkerung stark abgelehnte Verbessungsarbeit waren die Renovierung und der Umbau des Promontoriums mit der Festung und der vila do Infante. Sie wurde im Juli 1997 eingeweiht, und seitdem muss man für den Eintritt bezahlen. Die Örtlichkeiten sind dadurch jetzt sauberer, aber 6 Mark nur um ein wenig geglücktes Gemisch von modernen Gebäuden (z.B. der potthässliche Museumswürfel) und den Resten der mittelalterlichen Stadtmauer, der correnteza, zu sehen, halte ich für ein bisschen übertrieben. Das Kap São Vicente ist nach wie vor gratis, was jeden Sommer zu einem wilden Gedrängel von Autos und Bussen im Kampf um einen möglichst dichten Parkplatz führt. In den Monaten Juli und August hat der Leuchtturmwärter, Sr. Serafim Fino, alle Hände voll zu tun: täglich besuchen ihn im Schnitt 6.000 Touristen, zumeist Ausländer.

 Was eines Tages mal ein großer Anziehungspunkt in Sagres werden kann, das Ozeanografische Zentrum, hat die Planungsstufe noch nicht verlassen. Aber Gabi Schiller, die deutsche Mitarbeiterin an diesem Projekt, ist zuversichtlich: noch in diesem Jahr gibt es die Ausschreibung, so dass im nächsten Jahr die Bauarbeiten beginnen können. Und wenn alles gut klappt, wird Sagres in ein paar Jahren über ein prachtvolles Aquarium verfügen, auf der Atalaia, gegenüber von der Pousada do Infante, und über ein pädagogisches Zentrum für Studenten der Ozeanografie auf dem freien Platz vor dem Restaurant Mar-à-vista, wo früher die „Schnecken“ ihre Zelte aufbauten.





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Portugal-Post Nr. 17 / 2002


Strassen, die ins Nichts führen




Der neue "Museumswürfel"